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From: (Klaus.E.Kunze)
Subject: [DSL] Neiderländische Mundart
Date: Tue, 21 May 2002 19:23:08 +0200


Liebe Listenteilnehmer,

in der letzten Zeit gab es mehrere interessante Anfragen und Beiträge zum Thema
"Mundarten in Schlesien", speziell auch "Neiderländisch". Gestatten Sie mir
bitte, auch hierzu aus meinem Buch "Das schlesische Dorf Klein Ellguth
Oelßnischen Creyses", Köln 2000, S.250 ff. und 257 ff. auszugsweise zu zitieren:

Diejenigen Bauern und Gärtner, welche in Breslau ihr ‚Kraut' feilboten, wurden
auch ‚Krautbauern' genannt. Da die Krautbauern aus weitem Umkreis von links und
rechts der oder immer wieder in Breslau zusammentrafen, hatte sich hier in der
Mitte Schlesiens sogar eine eigene Mundart, die sogenannte ‚Kräutermundart',
entwickelt. Sie war von Liegnitz bis Oels verbreitet und vereinigte sprachliche
Besonderheiten des Gebirgsschlesischen, das überwiegend links der Oder, und des
Neiderländischen, das rechts der Oder verbreitet war.

Das Gebirgsschlesische, das im Kreise Oels hauptsächlich noch in Fürsten
Ellguth, Lampersdorf, Mühlatschütz, Prietzen, Zantoch, Kraschen, Postelwitz,
Kunzendorf, Weidenbach, Korschlitz, Woitsdorf, Buchwald und Wabnitz vorkam,
unterschied sich vom Gemeinschlesischen vor allem durch die Endungen -a für -en
(z.B. menscha für Menschen, loofa für laufen) und durch die Verkleinerungssilbe
-la für -lein (z.B. entla für Entlein, tipla für Töpfchen).

Dagegen wich das Neiderländische, das im Kreise Oels hauptsächlich noch in Groß
und Klein Zöllnig, Sadewitz, Schmollen, Katzur, Vielguth und Groß und Klein
Ellguth gesprochen wurde, stärker vom Gemeinschlesischen ab. Wichtigstes Merkmal
des Neiderländischen war die Diphthongierung der Vokale i (zu ai oder ee), o (zu
au oder oa) und u (zu au oder oo); so z.B. schneite oder schneete für Schnitte,
kaule oder koale für Kohle, schtaube oder schtoobe für Stube.

Die Klein Ellguther hatten eine derart eigenwillige Aussprache ihrer Mundart
entwickelt, daß sie wegen ihres merkwürdigen Dialekts sogar von den
benachbarten, zum selben Kirchspiel gehörenden Kritschenern gefoppt wurden.
Darüber weiß der aus Klein Ellguth stammende Professor Traugott Stäsche
(1859-1926) gar Seltsames zu berichten:

Wî toier duos ascho? -
Sechs grascho duos ascho! -
Gots hago, Gots hago,
So toier duos ascho?

"Es ist ein Zwiegespräch auf dem Topfmarkte. Der Bauer aus Klein Ellguth fragt,
was ein Milchaschel koste, und erhält zur Antwort: Sechs Gröschel (= 18
Pfennige, das Gröschel = 3 Pf., 1 Groschen dagegen = 15 Pf. altes Geld, daher 6
Groschen = 75 heutige Pfennige). Der Bauer ruft entsetzt aus: Gotts Hagel, Gotts
Hagel, so teuer das Aschel!

Diesen Spottreim hörte schon um 1825 mein jetzt [1904] noch lebender, 87 Jahre
alter Vater in Ludwigsdorf bei Oels von einem Pferdejungen aus Kritschen. Beides
sind Nachbardörfer von Klein Ellguth. Auch in Mädlitz bei Raake muß er bekannt
gewesen sein, denn meine Schwester hörte ihn um 1865 von unserer Magd aus
Mädlitz" [Karl Stanzel alias Traugott Stäsche, Volkskundliches aus dem Oelser
Kreise, besonders aus Klein Ellguth; in: Mitteilungen der Schlesischen
Gesellschaft für Volkskunde (MSGV), Band XII, 1904, Heft 11, S. 79-90].

Derselbe Verfasser hat zu seiner Zeit einige köstliche Beispiele der sonderbaren
Klein Ellguther Mundart gesammelt, so auch die beiden folgenden Lieder, die gern
bei Hochzeiten gesungen wurden [Traugott Stäsche, Bäuerliche Hochzeitsbräuche
im Kirchspiel Klein=Ellguth Kr. Oels um Mitte des vorigen Jahrhunderts; in: MSGV
VIII/15, 1906, S. 96-105].

Eich tanze mit der mûme, Ich tanze mit der Base,
Ai, wuoz wirt der féter suon?Ei, was wird der Vetter sagen?
De mûme haut ane blûme,Die Base hat eine Blume,
Der feter weilse huon,Der Vetter will sie haben,
Unt eich auch, unt eich auch,Und ich auch, und ich auch,
Mêne schirze hót a lauch.Meine Schürze hat ein Loch .

Zum folgenden Lied ist vorweg zu bemerken, daß unter einem ‚Schnadernikel' ein
nichtsnutziger Mensch verstanden wurde:

Schnuoderniko, schnuoderniko,Schnadernikel, Schnadernikel,
suosz uf der wêde,saß auf der Weide,
hót a glimscho, hót a glimscho,hat ein Messer, hat ein Messer,
wûlde weitn schnêdn,wollte Weiden schneiden,
a sâ sich im unt uo,er sah sich um und um,
s' hóte kaine druo,es waren keine dran,
a sâ sich im unt uo,er sah sich um und um,
s' hóte kaine druo,es waren keine dran.

In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sprachen zumeist nur noch die
älteren Klein Ellguther die überlieferte Mundart in reiner Gestalt. Die jüngeren
Klein Ellguther haben sie sicherlich gut verstanden; ob und wie gut sie diesen
Dialekt in ihren jungen Jahren noch selbst beherrschten, ist ungeklärt.

Ausführliche Untersuchungsergebnisse "Zur neiderländisch-schlesischen und
nordschlesischen Mundartenkunde", auch zum Klein Ellguther Dialekt, bietet
Friedrich Graebisch in: MSGV, Band XXX, 1929, S. 267-298. Seine Mundartenproben
sind in phonetischer Schrift wiedergegeben.

Konrad Gusinde, Ueber Mundartengrenzen im Kreise Oels, MSGV, Band VI, 1904, Heft
12, S. 86-88, berichtet über merkwürdig scharfe Mundartenscheiden im Kreis Oels
und bringt Sprachproben (hauptsächlich Lieder) aus Groß und Klein Zöllnig.

Traugott Stäsche gibt in MSGV, Band V, 1902/03, Heft 9, S. 5 f., "Drei
Erzählungen aus Klein Ellguth, Kreis Oels, im Dialekt des Dorfes" wieder.

Mit freundlichen Grüßen! Klaus Kunze


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